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Schwedens Sport trauert um Victory Tilly
08. April 2024

(fido) Uplands Väsby, Sonntag, 7. April 2024. Am 5. März hatte ihm noch eine kleine Fangemeinde zum 29. Geburtstag eine Möhrentorte vorbeigebracht nach Stora Alby Gård, dem Anwesen von Stig Johansson, wo er seit fast 18 Jahren das Gnadenbrot unter „SJHs“ Fittichen verbracht hat.

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Foto: rikstoto.no

Dort tat Victory Tilly, Schwedens gewinnreichster Traber aller Zeiten, am Sonntag seine letzten Atemzüge, wie Stigs Ehefrau Karin in einem Beitrag auf X mitteilte: „Im respektablen Alter von 29 Jahren ist Victory Tilly heute zu Hause im Kreise seiner Lieben eingeschlafen. Eine Legende ist von uns gegangen. Vielen Dank für Alles, Victor.“

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Foto: Nordiska Travmuseet

In einem Zeitalter, in dem nicht nur sportliche Stars und Legenden quasi im Minutentakt ausgerufen werden, kaum dass sie nur ein wenig übers Alltägliche herausragen, steht der große braune Wallach mit dem langen, enorm raumgreifenden ökonomischen Geläuf wie ein Monolith in der schwedischen, ja skandinavischen Traberlandschaft.

Geboren auf dem Gestüt der Tillanders - Hans-Gunnar Tillander hat am 25. Februar im Alter von 84 Jahren die Augen für immer geschlossen -, musste der Hengst zweijährig wegen eines verdrehten Hodens kastriert werden. Seiner Rennkarriere tat dies keinen Abbruch - mit der kleinen, aber nicht ganz unwichtigen Ausnahme, dass ihm dadurch die klassischen hochdotierten Rennen in Frankreich versagt geblieben sind.

Umso mehr hielt er sich im Rest der Welt schadlos. Ein Glücksfall für vier wagemutige Stockholmer Jungs, dass sich Tillander wegen Querelen mit dem schwedischen Verband überwarf und alle seine Startpferde zum Verkauf anbot. Billig war der im Frühjahr 1999 bereits zwölffache Sieger nicht, als sie ihn als Stall Kalas erwarben und von Gestütstrainer Glen Norman zu Stig Johansson überstellten.

Beim ersten Auftritt in neuer Regie allerdings saß wie zuvor Torbjörn Jansson im Sulky des aus dem letzten Jahrgang des Amerikaners Quick Pay stammenden Wallachs, weil „SHJ“ ein Fahrverbot abzubrummen hatte und am Elitloppet-Sonntag nur für den Elitloppet fahrberechtigt war.

Das Ergebnis: Mit fünf Längen Vorsprung vor Gidde Palema - im geschlagenen Feld befand sich als Sechster Heinz Wewering mit Harpune - gab er in 1:11,8 über 1.609 Meter den Rivalen des Fyraåringseliten Club Grand Prix Saures und zahlte gleich mal 250.000 Kronen Rendite zurück.

Es sollte alles noch viel besser kommen: Er eilte von Sieg zu Sieg, scheffelte die Millionen, sammelte klassische Lorbeeren en Masse. Der bedeutendste seiner insgesamt 70 Erfolge aus 101 Starts gelang ihm am 28. Mai 2000 in einem Elitloppet-Finale, das sich für jeden, der dabei war, unvergesslich ins Gedächtnis eingebrannt hat. Nie in den mindestens 20 Jahren zuvor und auch nie wieder danach brauste ein solcher Anfeuerungs- und Jubelsturm über Schwedens Nobel-Piste wie an jenem Sonntag.

Gut, dass die Baumeister den Open Stand, die offene Tribüne, wo der harte Kern der nordischen Traber-Fans stets ein Heidenspektakel veranstaltet, so solide errichtet haben. Man musste fürchten, dass sie sonst bei dem Getrampel, Gejohle, Getrommel und den donnernden „Stig H“-Rufen Schaden hätte nehmen können. Ohrenbetäubend war der Lärm nicht nur auf der Zielgeraden, sondern bereits nach 400 Metern, also eine Runde zuvor, als der von der „1“ mit gewohnt mächtigen Schritten die Führung behauptende Victory Tilly den ersten harten Angriff von Général du Pommeau parierte.

Zu einem geschichtsträchtigen Match gehören mindestens Zwei, und genau dem aktuellen Prix-d’Amérique-Sieger und seinem Fahrer Jules Lepennetier war zu danken, dass es nicht leiser wurde. Der Franzose dachte gar nicht daran, nach innen abzutauchen, sondern machte mit offenem Visier in der Todesspur weiter. Mitte der Schlusskurve zog Johansson bei seinem Paradepferd die Watte, Victory Tilly biss die Zähne zusammen und hielt den kleinen „Général“ tatsächlich um 1½ Längen in Schach.

Nur einmal zuvor sah man den sonst so eisgekühlt daherkommenden Johansson voller derart unbändiger Freude: nach dem Sieg mit Queen L. im Prix d’Amérique 1993. Die Peitsche flog in hohem Bogen nach innen, bei der Siegerzeremonie verdrückte der sonst so hartgesottene Profi ein paar Tränen. Queen L. - da gab‘s in Vincennes von einem Häuflein schwedischer Enthusiasten zarten Beifall im Gegensatz zu dem, was sich in seinem Wohnzimmer Solvalla abspielte.

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Foto: Wikipedia

Gut 15 Minuten donnerte ihm bei der Siegerparade vor der offenen Tribüne ein „Stig H“ entgegen, und am liebsten hätten sie Pferd und Fahrer wohl nicht mehr losgelassen. „Wir müssen gar nicht lange drum herum reden: Das ist das beste Pferd, das ich je trainiert und gefahren habe“, gab er klipp und klar preis - und er sollte der beste bleiben, obwohl ihm ein zweiter Elitloppet-Wurf nie gelingen sollte.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=3Xh8z2TwE8w

Zweimal scheiterte er an dem ebenfalls 1995 zur Welt gekommenen Varenne und hielt sich dafür auf andere Weise kreuz und quer in Europa schadlos. Beim US-Trip nach The Meadowlands zeigte er den Amis nach einer ersten, für Johansson unerklärlichen Niederlage als Vierter eine Woche später im Nat Ray Trot, was eine Harke ist: Mit 1:08,9 holte er sich den Weltrekord aller Alters- und Leistungsklassen und strich mit umgerechnet 2.668.750 Kronen den höchsten Scheck seiner glanzvollen Laufbahn ein.

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Victory Tilly auf The Meadowlands (Foto: Standardbred Canada)

Ab 2003 zwangen ihn Sehnenprobleme zu größeren Pausen, in denen er zum Schwimmtraining zu Kaltblut-Papst Jan-Olov Persson kam, der mit Järvsöfaks eine ähnliche Legende des Kaltblüter-Lagers geformt hatte.

Als Stig Johansson am 31. Dezember 2005 seinen Abschied vom Fahrerlager nahm, durfte für die Saison 2006 Erik Adielsson im Sulky jenes Pferdes Platz nehmen, das längst Zoogin als gewinnreichsten schwedischen Traber aller Zeiten abgelöst hatte.

Ein letzter Griff nach der zweiten Elitloppet-Krone scheiterte nach dem Ehrenplatz im Vorlauf auch an einem Foul des später als Sieger disqualifizierten Jag de Bellouet. 13 Tage später beendete Victory Tilly wegen erneut aufgetretener Sehnenprobleme seine monströse Laufbahn mit dem fünften Sieg in Östersunds Jämtlands Stora Pris in Adielssons Hand.

Seit mehr als 20 Jahren sind seine 37.705.278 Kronen unerreicht. So schwierig diese Zahlen auch einzuordnen sind über die Jahrzehnte - Permit als erster Elitloppet-Sieger bekam beispielsweise ebenso magere 30.000 Kronen vergütet wie seine Dauerrivalin Frances Bulwark, die ihm 1953 auf den Sprinterthron folgte; Victory Tillys Triumph war 1,5 Millionen SEK wert, 2023 wurde Hohneck mit 5.000.000 SEK überschüttet -, hat diese Marke allen Versuchen standgehalten, sie zu knacken.

Am nächsten ist ihm der nicht minder charismatische Commander Crowe gekommen, der seinen Abschied als Sieger der nordamerikanischen Breeder’s Crown Ende 2014 mit 34.345.097 SEK genommen hat.

Im Vorwort zu einem 2006 aufgelegten Buch über Victory Tilly „Från start till mål“ schrieb Stig Johansson: „Er ist nicht nur Schwedens gewinnreichster Traber aller Zeiten, sondern in jeder Hinsicht ein angenehmer Bursche, eines der sympathischsten, unkompliziertesten Pferde, das ich je trainiert habe.“

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Foto: harnesslink.com

Seinem Rentnerdasein frönte er auf dem Hof seines Mentors, der dort auch ein kleines Museum mit Ehrenpreisen, Siegerfotos, Pokalen und anderen Devotionalien eingerichtet hat und es sich oft nicht nehmen lässt, Besucher höchstpersönlich herum zu führen.

„Wenn er überhaupt einen kleinen Makel hatte, so den, dass er aus dem Feld nicht halb so viel wert war wie vorneweg. Die Versuche, ihn auf höchstem Niveau auch mal aus der Deckung einzusetzen, waren allesamt nicht überzeugend“, hat Stig Johansson einst verraten.

Nun darf der Sohn der Icora Tilly, den die schwedische Reichspost als bislang einzigen Traber mit einer Briefmarke geadelt hat, „über die immergrünen Weiden bummeln“, wie Robin Johansson für Kanal 75 poetisch schrieb.

Hommage a Victory Tilly: https://www.youtube.com/watch?v=YLQdEdGONUk

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Foto: Facebook Stiftelsen Life After Racing