(mw) Solvalla, Samstag, 29. Mai 2021. Auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie war vieles anders beim Elitloppet-Meeting. Wie 2020 verzichtete man „mangels fremder Masse“, sprich auswärtiger Teams, die teils noch immer Reiseeinschränkungen unterworfen sind, auf den Sweden Cup als Appetitanreger für den Elitloppet, womit zwangsläufig erneut der Harper Hanovers Lopp für die Marathonmänner und -frauen in den Mittelpunkt rückte.
Jenes legendäre, 1968 erstmals ausgetragene Drei-Kilometer-Match, in dessen Siegerliste sich Größen wie Tibur, Queen L., Etain Royal, Max Flukt, Yarrah Boko, Indigious, Bird Parker oder 2020 in der aktuellen Weltrekordzeit von 1:11,9 Moni Viking verewigt haben und dessen Dotation heuer von 955.000 auf 2.030.000 Kronen (ca. 197.000 Euro) mehr als verdoppelt worden ist.
Eine blanke Million davon sackte die unerwartete Siegerin ein, für deren Umfeld ein echtes Märchen wahr wurde. Wild Love war von ihrem Besitzertrainer Bengt Simberg, der sie zuvor gemeinsam mit Jim und Kevin Oscarsson zu einer Spitzenkraft ihres Jahrgangs geformt hatte, Anfang 2021 zum seit Jahrzehnten in Frankreich arbeitenden Schweden Anders Lindqvist überstellt worden. Unter dessen Regie hatte die Love-You-Tochter nicht nur aus zwölf Engagements drei Siege und umgerechnet 1.116.111 Kronen geholt, sondern auch die nötige Puste und Härte, um die für sie geforderten 3.180 Meter durchzustehen.
„Für mich ist das unglaublich. Es gibt auf solch einer Strecke so viele Unwägbarkeiten, so viele taktische Vabanque-Spiele - da muss jeder Meter stimmen, und genau das tat es. Anders Lindqvist hat Wild Love, die ich ja aus ihren Anfängen bestens kenne, in Frankreich durch die dortigen harten Rennen auf einen anderen Level gehoben. Schon im Schlussbogen wusste ich, dass wir weit vorn landen würden: Als ich mich nach dem Rest umsah, den ich als echte Rivalen ausgemacht hatte, sah ich, wie wenig sie in Händen hatten. Wild Love hingegen stand noch prächtig am Gebiss.“
Lindqvist hingegen „war eher realistisch. Ich denke, weder Bengt noch Kevin hatten die leiseste Ahnung, zu welchem Pferd sie in Frankreich gereift ist. Nun streben wir auf lange Sicht einen Start im Prix d’Amérique an.“
Nüchtern betrachtet kam die Erfolgsgeschichte überaus simpel zustande. Natürlich nutzte Johan Untersteiner wie prognostiziert die 40 Meter Vorgabe und legte mit dem fünfmal in Folge über solche oder ähnliche Strecken siegreichen Maestro Crowe eine Fahrt im konstant mittleren 1:13-Schnitt vor, was Gelüste, Positionen zu verbessern, zwei Kilometer lang im Keim erstickte. Hinter ihm reihten sich - auch das alles andere als unerwartet - Boston Wise L, Digital Dominance, die Zweitbändler Born Unicorn und Ivory di Quattro sowie Jerry Mom ein.
Erst neben dem kleinen Bruder des berühmten Traders war Vitruvio vor Velvet Gio, Who’s Who, Wild Love, Blé du Gers und Pacific Face als äußerer Anführer auszumachen. 1.100 Meter vor Schluss beorderte Örjan Kihlström Who’s Who in Spur drei, und an den Travkompanier, der seiner Besitzerschar gern zum 20. Jahrestag der „Mutter aller Besitzergemeinschaften“ einen hochkarätigen Erfolg schenken wollte, klebte sich bombenfest Wild Love, die selbst den heißen Atem Blé du Gers‘ und Pacific Face‘ im Nacken spürte.
Ausgangs des Schlussbogens - da waren Blé du Gers, Pacific Face, Vitruvio und Velvet Gio schon längst um Längen abgeschüttelt - ging’s Maestro Crowe an den Kragen, während Who’s Who immer prominenter wurde. Lange durfte Schwedens Derby-Sieger von 2018 mit dem 19. Sieg liebäugeln - bis Wild Love auf Hochtouren kam und ihm mit ihrem 23. Treffer gründlich das Wasser abgrub. Für Bronze wand Erik Adielsson mit allen Finessen Digital Dominance um den nachgebenden Maestro herum.
Noch ärger traf es Jerry Mom, der hinter einer Phalanx festsaß, mühsam fast an die Außenrails bugsiert wurde und dort auf Platz vier knapp vor Born Unicorn und dem Vorjahrszweiten Ivory di Quattro sprintete. Zufrieden war Pierre Vercruysse mit dem Belgier dennoch nicht: „Er lag heute nicht wie gewohnt. Wir haben nach dem Heat einige kleine Korrekturen an Balance und Zäumung vorgenommen, doch der Jerry Mom, wie ich ihn aus Frankreich kenne, war er heute nicht.“
54. Harper Hanovers Lopp (Gruppe I int.; ab dreijährig)
3140m Bänderstart; jeweils 20m Zulage ab 700.001 bzw. 1.600.001 SEK; 2.030.000 SEK
1. Wild Love 3180 11,9* Kevin Oscarsson 187
7j.br. Stute von Love You a.d. Twins Vilda von Dreamaster
Be: Simbergs Hovslageri AB; Zü: Huselius Invest AB; Tr: Anders Lindqvist
Pfleger: Bengt Simberg
2. Who’s Who 3180 11,9 Örjan Kihlström 30
3. Digital Dominance 3140 12,9 Erik Adielsson 386
4. Jerry Mom 3180 12,0 Pierre Vercruysse 56
5. Born Unicorn 3160 12,5 Björn Goop 129
6. Ivory di Quattro 3160 12,6 Rikard Skoglund 312
7. Boston Wise L 3140 13,2 Per Lennartsson 115
8. Dragster 3180 12,4 Roger Malmqvist 179
9. Maestro Crowe 3140 13,4 Johan Untersteiner 49
10. Velvet Gio 3180 12,8 Ulf Ohlsson 587
11. Blé du Gers 3180 12,9 Per Oleg Midtfjeld 358
12. Pacific Face 3180 13,2 Giuseppe Lubrano 547
13. Vitruvio 3180 14,2 Mika Forss 176
Demon Ima 3140 agh. Peter Untersteiner 468
*Weltrekord für Stuten für 3000 Meter Bänderstart auf 1000-Meter-Bahnen; Weltrekord von Moni Viking eingestellt
Sieg: 187; Richter: sicher 1½ - 1 - ¾ - Kopf - Kopf - 2½ Längen; 14 liefen (NS Ol Dono Lengai / Halsinfekt)
Zw-Zeiten: 13,5/500m - 13,2/1000m - 13,5/1500m - 13,4/2000m - 11,1/letzte 500m
Wert: 1.000.000 - 500.000 - 250.000 - 135.000 - 75.000 - 40.000 - 30.000 SEK
Video: https://www.youtube.com/watch?v=nkIYJdoa-Bs
Die Grande Dame schlägt noch mal zu
Allmählich wird Billie de Montfort aus dem furiosen französischen „B“-Jahrgang zur Legende. Von Beginn an hat die für ihren Züchter Philippe Dauphin aktive großrahmige Braune auf höchstmöglichem Niveau getanzt. In ihrer Heimat zieht sie inzwischen kaum noch den berühmten „Hering vom Teller“, doch in der Fremde auf den ebenen Bahnen mit den vergleichsweise kurzen Zielgeraden ist die Jasmin-de-Flore-Tochter noch immer für manch Überraschung gut. So am 7. Dezember letzten Jahres, als sie in Mailand den Gran Premio delle Nazioni auf ihre Kappe brachte, und heuer in Turin beim Gran Premio Costa Azzurra weitere 75.440 Euro abgriff.
Bombensicher war die Jasmin-de-Flore-Tochter schon immer, beginnen wie ein Pfeil konnte sie auch genauso ewig, und so war es kein Problem für Gabriele Gelormini, den Standarddriver der letzten beiden Jahre, mit ihr spielerisch leicht die Pole Position zu behaupten, zumal Dear Friend, „das schnellste Pferd, das ich je hatte“ (Johan Untersteiner), eben diese Rasanz von der „9“ nicht auszuspielen vermochte und sich gleich mit einem verheerenden Fehler aus der Verlosung abmeldete. Und weil desgleichen Allegra Gifont mit dem über den gesamten Renntag nicht sonderlich glücklich agierenden Alex Gocciadoro sofort die Füße im Galopp hob, waren nach wenigen Metern nur noch sieben Ladys dabei.
Billie de Montfort hingegen zog ihren Stiefel eisern durch und verteidigte sich zäh gegen die aus ihrem Sog prächtig aufkommende Hevin Boko, die ihr bis zum rettenden Ufer alles abverlangte und sich zum Saisoneinstand nur um einen „Hals“ geschlagen gab.
Ohne „schwedisch-französische“ Diskussionen sollte jedoch auch dieses Ergebnis nicht abgehen, denn Billie war im Eifer des Gefechts um zwei Spuren nach außen gedriftet. „Hätte ich das geahnt, wäre ich innen geblieben und vermutlich geradeaus zum Sieg gefahren“, kommentierte Mika Forss das Geschehen, gestand aber auch, „dass ich die Fahrspurveränderung zwar mitmachen musste, aber immer freiweg fahren konnte. Unsere Sulkys haben sich nie berührt.“ Was hinzukommt: Ohne Hevin Bokos äußeren Druck wäre Billie vermutlich nie von der geraden Linie abgewichen, denn Double Exposure blieb doch eine ziemlich zahme Tigerin ohne Einfluss aufs vordere Geschehen.
Nach bangen Minuten der Beratung beließen es die Richter bei der Entscheidung „aufm Platz“ und belegten den Italiener mit einer Buße von 2.200 Kronen (217 Euro).
Lady Snärts Lopp - Sto-Eliten - (int., Stuten)
1640m Autostart, 480.000 SEK
1. Billie de Montfort 09,5 Gabriele Gelormini 41
10j.br. Stute von Jasmin de Flore a.d. Quismy de Montfort von And Arifant
Be / Zü: Philippe Dauphin, FR; Tr: Sébastien Guarato
2. Hevin Boko 09,6 Mika Forss 241
3. Double Exposure 09,9 Örjan Kihlström 18
4. Willow Pride 10,3 Jukka Torvinen 424
5. Dixie Brick 10,4 Jorma Kontio 528
6. Unique Juni 10,5 Erik Adielsson 88
7. Calina 10,9 Ulf Ohlsson 498
8. Dear Friend 17,6g Johan Untersteiner 105
Allegra Gifont agh. Alessandro Gocciadoro 128
Sieg: 41; Richter: sicher Hals - 3 - 3 - Hals - 1 Länge; 9 liefen (NS Mellby Free / schlechte Blutwerte)
Zw-Zeiten: 08,8/500m - 10,5/1000m - 08,2/letzte 500m
Wert: 220.000 - 110.000 - 62.000 - 35.000 - 22.000 - 15.000 - 10.000 - 6.000 SEK
Video: https://www.youtube.com/watch?v=bLqxwgF_UCA
Beeindruckend die Krallen zeigte Jaguar Dream, dem Claes Sjöström in der Silverdivisionen die Todeslage gegen den ruckzuck in Front geflogenen Cab Lane verpasste, der als 18:10-Favorit auf vielen V75-Zetteln als „Bank“ geleuchtet haben dürfte. Trotz des enorm aufwändigen Verlaufs ging das von Love You gezeugte Familienpferd an der letzten Ecke sichtbar besser als der heuer bei drei Auftritten noch unbezwungene Cab Lane und servierte ihn, an dem sich auch Balotelli Crown haarscharf vorbeifummelte, in sagenhaften 1:11,0/2140m um 2½ Längen ab. Lohn der harten Mühen waren 250.000 SEK, die sein Konto auf 2.121.900 Kronen springen ließen. Demnächst muss der Jaguar in der Gulddivisionen wildern!
Nächste Gala von Venture Capital
Video (die mäßige Qualität bitten wir zu entschuldigen): https://www.youtube.com/watch?v=xickTf8fgNs&t=28s
Mit 133.877.707 SEK verfehlte der V75-Umsatz das Vorjahrsergebnis um lediglich rund 45.000 Kronen. Nach dem zweiten Donnerschlag durch Wild Love blieben 62 Systeme, die sich über je 562.646 Kronen neues Spielgeld für die Königswette rund um den Elitloppet freuen durften.
V75-1 (Diam-Sto): Arquana As / Erik Adielsson 36
V75-2 (Klass I): Rotate / Björn Goop 34
V75-3 (Silver): Jaguar Dream / Claes Sjöström 38
V75-4 (Klass II): Venture Capital / Michael Nimczyk 30
V75-5 (Brons): Upstate Face / Adrian Kolgjini 356
V75-6 (Sto-Elit.): Billie de Montfort / Gabriele Gelormini 41
V75-7 (Stayer): Wild Love / Kevin Oscarsson 187
Umsatz V75: 133.877.707 SEK
1. Rang: 61,86 Systeme à 562.646 SEK
2. Rang: 2.889 SEK
3. Rang: 154 SEK
Umsatz Top-7 (Brons): 2.119.631 SEK
In einem Lauf für vierjährige Stuten, die keine 350.000 SEK gewonnen hatten, belegte Bente Bigengs seit Jahren bei Timo Nurmos stationierte Raya mit feinem Endspurt von letzter Position Platz fünf, der 10.000 Kronen wert war. Im Sulky der von Meiko Bockmann gezüchteten Raja-Mirchi-Tochter, die bei 844:10 als größte Außenseiterin mit 1:13,5 zügig wie nie zuvor über die Mitteldistanz flitzte, saß Carl Johan Jepson.
Erneut fragwürdige Rennleitungs-(Nicht-)Entscheidung
Übrigens: Wer „Rennleitungs-Bashing“ mag, kam erneut auf seine Kosten. Zweimal in den letzten Wochen sind die schwedischen Stewards mit extrem kleinlichen Entscheidungen in den Fokus gerückt: Vor drei Wochen mit der Fahrsperre Eric Raffins im Paralympiatravet für seinen „Peitschenjubel“, bei dem er den Arm über Schulterhöhe gehoben hatte und die vielleicht den Ausschlag gegeben hat, dass Besitzer Noël Lolic „nie wieder ein Pferd nach Schweden schicken wird“ und der Elitloppet definitiv auf Délia du Pommereux verzichten musste.
14 Tage später wurde Kim Moberg nach dem Sieg mit Zante Grif in einer V75-Nachwuchsprüfung disqualifiziert, weil sie die halb hinter ihr liegende Teton Sweet Lindy herausgedrängt und in Galopp getrieben haben sollte, was deren Fahrer Magnus Djuse ganz anders sah.
Die Folgen: M.T.Insider, der dieses Rennen bereits 2018 und 2019 gewonnen hatte und 2020 Zweiter geworden war, gewann mit dem Vorteil der Spitzenposition nicht nur die Elimination rund 1½ Längen vor Dom Perignon, sondern wenige Minuten später auch das Finale der drei Vorlaufsieger. Die „Strafe“ folgte auf dem Fuße: 500 Kronen, weil Alsén jenseits der Bahnabgrenzung gefahren war. Eine wegen Störens suchte man hingegen vergeblich; bei den harten Bandagen, die die Rennrichter zuvor angelegt hatten, wäre eine Disqualifikation im Vorlauf, die sicherlich die Wenigsten gewollt hätten, beileibe nicht aus der Welt gewesen. Eine stringente Linie sieht anders aus…