Vier Gruppe-Aufgaben - je zwei im Monté und Attelé - bildeten das Gerüst der Veranstaltung, die als letzten großen Programmpunkt ein Gruppe-I-Rennen auf der Karte hatte: Den Prix de Sélection, jenen klassischen Vergleich der einheimischen Vier- bis Sechsjährigen, bei dem die Jüngsten - heuer die Generation „G“ - seit 2014 nur mehr 25 Meter vor den Erfahrenen loslegen dürfen. Das Gegenstück des Prix des Centaures für die Reiterei wurde durch die Teilnahme von Amérique-Sieger Face Time Bourbon geadelt, wartete mit einem Novum auf und kostete die staatliche Wettorganisation PMU bares Geld.
Frankreichs Dauergast Björn Goop, dem in den zurückliegenden Wochen nicht allzu viele Volltreffer gelungen waren, ließ die „turfistes“ keine Sekunde schwitzen. Weit außen knatterte er mit dem „perfekten Rennpferd“ (Goop und Trainer Sébastien Guarato unisono) wie ein Formel-I-Bolide vom Start. Natürlich war der Rest darauf erpicht, ihm bei der brutalen 1:07,5-Ansage für die ersten 700 Meter keine Steine in den Weg zu legen, sondern das Plätzchen in seinem Windschatten zu ergattern. Ausgerechnet Etonnant, der unterm Sattel im Prix de l’Île de France einen Bilibili zu 1:10,0 getrieben und dem man noch am ehesten zugetraut hatte, „FTB“ unterwegs zu zwicken und zu zwacken, legte im strammen Galopp los mit Riesensätzen, als müsse er einen Wassergraben queren. Merkwürdigerweise sah er nicht die rote Karte, sondern durfte am Feldende weitermachen und produzierte sich nach 1500 Metern vor Express Jet, Flèche du Yucca und Fairy White sogar als Anführer der zweiten Reihe. Den Platz im Sog des Favoriten hatte der Ténor-de-Baune- und Belgique-Zweite Enino du Pommereux vor Frisbee d’Am und Fighter Smart inne.
Im gaaanz gemütlichen Schlendergang sollte der vom Hamburger Rainer Engelke gezüchtete „Bourbone“ dann allerdings nicht nach Hause kommen: Nach einer Runde legte Etonnant die nächsten Bocksprünge ein, wurde ausgehängt und räumte den Weg frei für Enino du Pommereux. Ob er in jenem Moment ein wenig gezittert habe, wurde Guarato anschließend gefragt: „Kein Stück. Einen Mann wie Björn kannst du nicht überraschen - er weiß immer genau, was er tut.“ „Mit solch einem Pferd ist es so einfach wie Autofahren“, schilderte Goop, und so sah es auch aus. Ein kurzes Antippen des (imaginären) Gaspedals, willig beschleunigte „FTB“ gerade so viel, dass er sich Enino ohne das geringste Problem um eine Länge vom braunen Leib hielt.
Sébastien Guarato: „Es war letztlich ein Kinderspiel, denn er musste nur auf den ersten und letzten 200 Metern richtig Gas geben. Ich wiederhole mich gern: Ein Pferd wie ihn hatte ich trotz eines Bold Eagle noch nie im Training - so gut und auch so unkompliziert. Seine nächsten Aufgaben werden der Prix de l’Atlantique und der Prix René Ballière hier in Vincennes am 21. Juni sein.“ Vom Elitloppet sprach der 47-jährige (noch) nicht. Die Schweden werden alles daran setzen, dieses Zugpferd am letzten Mai-Sonntag in Solvalla zu präsentieren. Doch dafür hat Pierre Pilarski, der auch Anteile an „FTB“ besitzt, noch einmal Bold Eagle ins Gespräch gebracht.
Für Björn Goop ging die Rechnung, sein Heil vorneweg zu suchen, voll auf: „Ich wollte mich in diesem kleinen Feld bewusst nicht auf taktische Spielereien einlassen. Enino ist ein toller Typ, aber ich fühlte, dass Face Time trotz des langen Meetings noch immer stark war, im Körper wie im Geist. Am Ende war’s ein leichter Sieg und für Face Time ein großartiger Winter.“ Bei der Nachfrage nach der einzigen Niederlage in diesem Zeitraum, jener gegen Davidson du Pont im Prix de France, blieb der Sonnyboy ganz Sportsmann: „Gegen ein Klassepferd wie Davidson darf auch er mal verlieren, keine Frage. Knackpunkt war Bazires Taktik, rechtzeitig stiften zu gehen, während wir uns erst eine freie Bahn suchen mussten.“
Für den „Bourbonen“ war’s nach dem Critérium Continetal und dem Prix d’Amérique der dritte Gruppe-I-Sieg im Vincenner Winter, für Goop der vierte: Der 43-jährige hatte zudem mit Gunilla d’Atout das Critérium des 3 Ans an seine reich geschmückte Fahne geheftet und stach sogar Maître Bazire aus, der dreimal die ganz große Börse abräumte: dank Davidson du Pont, Havana d’Aurcy und Bélina Josselyn.
Prix de Sélection (Gruppe I nat., vier- bis sechsj. Hengste und Stuten)
für die Sattel-Elite der Generation 2016. Wer von den 14 sollte es machen - die beiden klassemäßigen Rausgucker Grâce de Faël und Gangster du Wallon, die ob ihrer Sperenzchen reines Nervengift für alle Beteilgten sind, die soliden Gospel Pat, Gef de Play und Gainsborough, oder die beiden Newcomer auf dem großen Parkett Good Luck Quick und Garou du Chêne?
Das fiel ihr umso leichter, als Gainsborough, Gangster du Wallon auf der Startgeraden sowie Give Me Seven und Général im Bogen von Joinville wegen Galopps ausgemustert wurden und Underdog Gloria Vici vor Gef de Play, Gospel Pat und Gladys des Plaines ein schneidiges Tempo vorlegte, bei dem Grâce de Faël, allmählich im Mittelfeld angekommen, auf keine weiteren dummen Gedanken kam. Bergauf wurde die enorme Physis der kräftig-eleganten Braunen mit der kleinen Schnippe immer augenfälliger. Ab dem Einschnitt der kleinen Bahn war sie vorn, allein Gospel Pat vermochte in jener Phase dran zu bleiben, und die Zielgerade wurde für sie zur Straße des achten Triumphs aus 15 Versuchen. Weit voraus ließ Alexandre Abrivard die nunmehr 230.000 Euro reiche „Begnadete“ austrudeln, was den Endspurt Guide Moi Forgans umso spektakulärer aussehen ließ. Aus dem Nirgendwo flog der Braune auf eine halbe Länge heran zum nie erwarteten Ehrenplatz.
Sieben Längen dahinter musste Gospel Pat sich auch „Bronze“ abschminken, wofür Gef de Play sich etwas kräftiger ins Zeug legte. Der von Maik Esper vorbereitete Good Luck Quick belegte einen ordentlichen sechsten Platz und war damit deutlich besser als 47:10-Favorit Garou du Chêne, der sich nach mäßigem Beginn mit größten Schwierigkeiten in vordere Gefilde raufte und als Achter nur bester der brotlosen Künstler war. Er war allerdings auch in ein rasantes Match geraten: So eilig wie Grâce de Faël mit ihren 1:13,9 hatte es noch niemand zuvor, sich in dieser Ehrenliste zu verewigen.
Prix Louis Le Bourg - Monté - (Gruppe II nat., vierj. Hengste und Stuten)
2850m Bänderstart, plus 25m ab 282.000 Euro (unbesetzt); 100.000 Euro
1. Grâce de Faël 2850 13,9g Alexandre Abrivard 49
4j.br. Stute von Sam Bourbon a.d. Aquarelle de Faël von Look de Star
Be: José Fernandes; Zü: Virginie Le Piver; Tr: Thierry Duvaldestin
2. Guide Moi Forgan | 2850 13,9 Christopher Corbineau | 280 |
Sieg: 49; Richter: leicht ¾ - 6½ - 1 - 5 - Kopf - 4 Längen; 14 liefen
Zw-Zeiten: 12,9/1350m - 13,8/1850m - 14,1/2350m
Wert: 45.000 - 25.000 - 14.000 - 8.000 - 5.000 - 2.000 - 1.000 Euro
Evangelina auf Wolke sieben
In welche Höhen es auch für sie mal gehen könnte, bekamen die Jungspunde im nächsten Halbklassiker vorgeführt. Nach dem „internationalen“ Prix Henri Desmontils, einem Trabreiten der Kategorie III um 90.000 Euro über gleichfalls 2850 Meter, müssen sie sich, nimmt man die erzielten Zeiten, keine Sorgen machen, dort mithalten zu können. Grâce de Faël hatte 1:13,9 vorgelegt, Evangelina Blue war in 1:14,2 am Ziel des Wunsches, der „neunter Karriere-Sieg“ lautete und zugleich ein krönendes Ende eines für die Stute der Marys höchst ergiebigen Meetings bedeutete, an dessen Ende ihr Portfolio bei 662.00 Euro steht. Damit durchkreuzte sie den Plan Caban Priors gründlich, der als Wallach an den wichtigsten Monté-Prüfungen nicht teilhaben durfte und für 2,4-fache Sieg-Odds den Finger heben wollte, dass er beileibe nicht schlechter sei. Für das Familienpferd der Desmarres‘, das Aurélien im Vordertreffen versteckte, reichte es streng innen entlang geradeso zu Platz drei.
„Ich bin überglücklich“, sprudelte es aus Besitzer und Trainer Jean-Philippe Mary hervor, „nach einem Sieg im Prix des Centaures ist es auf diesen Höhen nie einfach nachzulegen, denn die Konkurrenz schläft nicht und ist ja auch nicht von Pappe. Außerdem ging’s heute 650 Meter weiter - das bedeutet eine kleine Trainingsanpassung. Wieder mal war sie exzellent und hat ganz leichtfüßig gewonnen, wie Mathieu berichtete.“ Aurélien Desmarres hingegen grummelte: „Ich wollte nicht unbedingt die Lokomotive für andere spielen, darum bin ich beim Anstieg innen geblieben. Wir verlieren das Rennen, weil wir in dem Moment, als vorn die Post abging, keine freie Bahn haben.“
Eine gerührte Delphine Beaufils Ernault bedankte sich bei Exotica de Retz: „Sie hat als Vierte noch einmal alles gegeben - so wie in unzähligen Schlachten zuvor. Das war ihr Abschiedsgeschenk - sie wird nun in die Zucht wechseln. Damit endet eine wunderschöne Geschichte. Sie hat mich zu vier halbklassischen Siegen getragen. Das sind Erinnerungen, die auf ewig bleiben. Einziger kleiner Wermutstropfen ist, dass ihr der ganz große Wurf in einem Klassiker versagt geblieben ist.“
Prix Henri Desmontils - Monté - (Gruppe III int., Fünf- bis Elfj.)
2850m Bänderstart, 25m Zulage ab 650.000 Euro sowie für den Sieger des Prix de Cornulier 2020 (unbesetzt); 90.000 Euro
1. Evangelina Blue 2850 14,2 Mathieu Mottier 52
6j.br. Stute von Speedy Blue a.d. Happy Blue von Workaholic
Be / Tr: Jean-Philippe Mary; Zü: Cathérine Dabouis-Mary
2. Etoile de Bruyère | 2850 14,3 Adrien Lamy | 51 |
Sieg: 52; Richter: leicht 2½ - ½ - ¾ - (¾) - 2½ Längen; 10 liefen
Zw-Zeiten: 14,4/1350m - 15,0/1850m - 14,4/2350m
Wert: 40.500 - 22.500 - 12.600 - 7.200 - 4.500 - 1.800 - 900 Euro
Wie im Vorjahr: Die Bazires eins - zwei
…im Prix du Plateau de Gravelle, dem letzten herausragenden „Attelé“ für erfahrene internationale Kämpen. Wieder war Jean-Michel der unangefochtene Chef im 2100 Meter kurzen Ring und krönte sein Winter-Meeting. Waren es 2019 Bel Avis und Abydos du Vivier, die die ersten beiden Ränge unter sich ausmachten und die 90.000 Euro wertvolle Prüfung zur Stallmeisterschaft umfunktionierten, so hießen die Protagonisten nach Absage seines dritten Musketiers Valokaja Hindö nun Dorgos de Guez und Colonel.
Der 48-jährige baute konsequent darauf, dass sich innen wie so häufig auf Frankreichs langen Zielgeraden schon irgendwie ein Löchlein öffnen würde. Ein Narr, der Schlechtes dabei denkt: Natürlich wich Colonel unauffällig so weit nach außen, dass der Fuchs mit der markanten breiten Blesse als Jubiläumsgeschenk - es war sein 50. Start - mit Hurra zum 21. Sieg hindurch flitzen konnte. Sonst kam keiner mehr am Colonel vorbei - auch Détroit Castelets nicht, dem man als lange Zeit potentiellem Amérique-Starter zugetraut hatte, die Bazires ernsthaft zu piesacken. Der Néoh-Jiel-Sohn holte sich immerhin ganz leicht Platz drei vor den Kopf an Kopf die Linie passierenden Mindyourvalue und Ange de Lune, von denen der Schwede um ein paar Millimeter besser war.
Es war der sage und schreibe 83. Meeting-Sieger aus dem „Entraînement Bazire“, wozu der 20-fache Sulky d’Or als Fahrer das größte Scherflein beigetragen hat. Erst im Vorjahr hatte seine Equipe die Bestmarke auf 71 Schleifen geschraubt.
Prix du Plateau de Gravelle (Gruppe III int.; Vier- bis Elfj., keine 650.000 Euro sowie ohne die ersten Drei der Prix d’Amérique, France & Paris 2020)
vergeben, und fast hätte es in jenem „Internationalen“ für Sechsjährige für die arg gebeutelte deutsche Züchter- und Besitzerschar, an der dieses Meeting so gut wie komplett vorbeigelaufen ist, ein kleines Happy-End gegeben. Dem von Wolfgang Nimczyk entsandten Mister Ed Heldia machte Catchdriver Eric Raffin vom Fleck der 2875 Meter oder zwei Runden auf der „petite piste“ weg enorm Beine, trat die Führung rasch an Equiano ab, der sie umgehend an David Thomains Vastaz Font Mil weiterreichte, und lauerte geduldig auf seine Chance.
Das beginnt in knapp drei Wochen am Freitag, 20. März mit einer sieben Vergleiche umfassenden „sémi-nocturne“, in der ab 18.40 Uhr magere 251.000 Euro verteilt werden. Einziges „International“ wird ein Monté für sechs- bis achtjährige „Europäer“ sein, die keine 165.000 Euro reich sind. Weil sich der Reiternachwuchs der Aspiranten annimmt, dürfte sich der auswärtige Andrang in Grenzen halten.