Überraschend war dies keineswegs. Vor etwas mehr als zwei Jahren, beim ausführlichen Ausblick aufs Winter-Meeting 2017/2018, hatte dessen Trainer Sébastien Guarato ganz dezent fallen lassen, er habe da einen Zweijährigen, der so gut sei wie noch keiner, den er je zuvor in Händen gehabt habe. Nun ist der 47-jährige zwar mehrmaliger Trainerchampion der Grande Nation, jedoch nicht unbedingt als rigoroser Förderer der Jugend wie ein Philippe Allaire berühmt, so dass sich diese Worte unauffällig in den Hinterkopf verkrümelten, zumal der Braune in jenem Winter überhaupt nicht am Start war. Ein Jahr später war dies grundsätzlich anders. Da sah selbst die nicht-französische Fachwelt nach einer wahren Siegesserie, die nur durch eine rote Karte und zwei Ehrenplätze (vor einem Jahr im Prix de Tonnac-Villeneuve gegen Falcao de Laurma, am 19. Mai im Premio Unione Europea zu Modena gegen Zacon Gio) unterbrochen war, einen potentiellen König, der die Regentschaft der Ready Cash und Bold Eagle nahtlos fortsetzen könne.
Und dann war da noch der Mann für die Vollstreckung der meisterlichen Vorbereitung, für den es keinen Besseren als Björn Goop hätte geben können, wie der Neapolitaner Antonio Somma (59), Boss einer italienischen Krankenversicherungsgesellschaft sowie der Scuderia Bivans und 50-Prozent-Kopf der Besitzergemeinschaft um Face Time Bourbon, zu der Pierre Pilarski (!), Renato Bruni, Sébastien Guarato und Züchter Rainer Engelke zählen, begeistert erklärte: „Er ist unglaublich nervenstark, cool in jeder Sekunde. Das hat er mit diesem Parcours einmal mehr bewiesen. Für große Rennen und große Pferde brauchst du solche Champions. Sie machen auf Dauer den Unterschied zwischen Siegen und Niederlagen und ich war froh, dass ihn Pierre Pilarski für Face Time Bourbon verpflichten konnte, nachdem sich der eigentlich als Stammfahrer vorgesehene Eric Raffin dreijährig für Feliciano entschieden hat. Alles rund war dann, als Face Times Start im Amérique immer mehr Gestalt annahm und Björn gesagt hat, er würde dann statt Bold Eagle lieber unser Pferd steuern.“ Kuriosität am Rande: Im Sulky des mauen „Adlers“ nahm nach dem Goopschen Intermezzo Eric Raffin Platz…
Der zwölffache schwedische Champion, in Frankreich von Fahrern, Trainern und Fans ob seines sympathischen, offenen Wesens längst als einer der Ihren angenommen und in den großen Tagen dieses Meetings mehr in Vincennes denn in seiner nordischen Heimat engagiert, gab die vielfachen Honneurs artig zurück: „Der erste Dank gilt den Besitzern, die mir das Vertrauen geschenkt haben, der zweite Sébastien, der Face Time in eine exquisite Form gebracht hat. Da ist’s für mich einfach zu glänzen“, wobei man eben auch erst mal dahin kommen muss, wohin der Schwede seinen Partner lancierte: Direkt in den Windschatten des von fast allen als härtester Widersacher angesehenen Davidson du Pont, der die Nase ebenso in den Wind der zweiten Spur halten musste, wie er der tapferen Bélina Josselyn für die finalen 700 Meter in der dritten Reihe um die hübsche rote Nase wehte. Niemand nahm ihm krumm, dass der „leere“ Stall-, aber nicht Trainingskamerad Vivid Wise As, mit einem brutalen Überfall 600 Meter vorm Ziel in Front gescheucht, von Yoann Lebourgeois, der die Not Goops auf der Suche nach einer Lücke ganz sicher mitbekommen hat, Mitte der Zielgeraden auf die innere Ausweichspur dirigiert wurde, wo er unmittelbar nach dieser Aktion aus dem Takt geriet. 20, 30 Meter weiter wäre ohnehin Platz genug vorhanden gewesen, und dann „Bang, bang“, wie Goop die explosive Beschleunigung seines Hengstes charakterisierte: „Es ist immer etwas knifflig für ein Pferd, bei diesem Tempo schräg in eine Lücke hineinzustoßen, also musste ich es vorsichtig angehen. Als er geradegestellt in der Innenspur lag, ist er förmlich explodiert - ein irres Gefühl! Es gab nichts, was ihn hätte aufhalten können. Er hat sie geradezu zerschmettert - und das, ohne die Ohrenwatte zu ziehen. Es war Euphorie pur.“
Apropos Schweden: Die stolzen „Tre Kronors“ erlebten diesmal ein Waterloo. Aus ihrem Zuchtbuch stammte nicht ein Teilnehmer. Jerry Riordans Italiener Ringostarr Treb versemmelte den Start im Galopp und die beiden US-Amerikaner Milligan’s School und Propulsion, der kurzfristig mal an der Spitze zu sehen war, waren auf der Zielgeraden völlig „zugeparkt“, wobei speziell Örjan Kihlström die Hände brechend voll hatte.
Rainer Engelke brachte die kräftige deutsche Note ins Siegspiel. Vor Jahrzehnten begann der Hamburger Geschäftsmann - zunächst in Kooperation mit Jean-Pierre Dubois, wofür er jenem in einem „Nebensatz“ dankte - seine züchterischen Ambitionen im Haras de Saint Martin in der Normandie zu entwickeln. Der Chef der trabenden „Bourbons“, der derzeit mit Flèche Bourbon ein weiteres Juwel am Start hat, erklomm mit diesem Triumph den höchsten Gipfel der Zucht.
Weiter an seiner einmaligen Historie strickte Ready Cash: Selbst im Amérique 2011 und 2012 als Erster an der imaginären Linie, stellte er bereits mit seinem zweiten Jahrgang dank Bold Eagle 2016 den ersten Sieger aus seiner großen Kinderschar; solch einen raschen Generationen-Wechsel hatte es nie zuvor gegeben. Noch einmal Bold Eagle 2017, Readly Express 2018 und nun Face Time Bourbon machten weiter kräftig Reklame für seine Vererber-Qualitäten, die den Run auf seinen Samen nicht kleiner werden lässt.
Brachte Guarato nur einen seinen vier Matadore in die Geldränge - Billie de Montfort wurde als erste Anführerin durch Wechsel auf der Kommandobrücke immer weiter nach hinten geschoben, Valko Jenilat spielte im Hintertreffen nie eine Rolle und Bold Eagle unterstrich im Windschatten Bélina Josselyns mit den schwächsten finalen 200 Metern seiner fünf Amérique-Auftritte, wie sehr der harte Zahn der Zeit an ihm nagt -, so konnte Jean-Michel Bazire einen dicken Haken unter diese Auflage setzen. Ein Durchmarsch wie im Vorjahr, als seine Armada die Plätze eins, zwei und vier okkupiert hatte, ist in einem derartigen Monster-Match ohnehin kaum wiederholbar. Looking Superb spielte bergauf den Hasen, mit dessen Rolle er ab 500 Meter vorm Ziel überfordert war und nach hinten abtauchte, doch Davidson du Pont und Bélina Josselyn schlugen sich prächtig und fuhren dem Trainerchampion, der keineswegs hinter dem falschen Pferd saß, 351.000 Euro in die Stallkasse: „Ich habe immer gesagt, dass Davidson du Pont keineswegs schlechter als Bélina ist. Die Stute liegt mir mehr am Herzen, weil sie in der Jugend so viele Probleme bereitet hat und trotzdem zu solch einem außergewöhnlichen Traber gereift ist. Sie ist extrem auf meine Hand angewiesen. Es lief gut, aber nicht optimal, wenn du ausgerechnet deinem härtesten Rivalen das perfekte Rennen servierst. Doch in solch einem Mammutfeld werden einem eben nicht immer die schönsten Wünsche erfüllt.“
Die Knaller, die die Quinté-Wette fettmachten, hießen Chica de Joudes und Vitruvio. Der zähen Stute verschaffte Alain Laurent im Rücken Bold Eagles ein defensives Rennen, was sie mit spektakulärem Spurt weit außen belohnte. Ähnlich war’s um Vitruvio bestellt, der endlich mal wieder unterstrich, warum ihm als (im Galopp gescheitertem) Derby-Favorit und überlegenem Orsi-Mangelli-Sieger in jungen Jahren so riesige Hoffnungen auf eine internationale Karriere gegolten hatten. Ganz weit draußen machte ihn Alex Gocciadoro frisch und fing für Platz fünf ein Rudel ab, aus dem sich die am Start fehlerhafte Délia du Pommereux und Bahia Quesnot knapp vor Uza Josselyn, Enino du Pommereux, Bold Eagle und dem restlos gefesselten Propulsion die kleinsten Prämien sicherten.
Der Rennverlauf
Bergauf setzte sich Bélina vor den „Adler“ und zog Vivid Wise As mit, der mit einem mörderischen Zwischenspurt 700 Meter vorm Ziel bis an die Spitze durchzog. Nichts war es für „La Ballerina“ mit der insgeheim erhofften neuerlichen Deckung. Auch gut, dachte sich „JMB“, und kontrollierte gemeinsam mit Franck Ouvrie das Geschehen aus zweiter bzw. dritter Gefechtslinie. Gar in vierter rackerten sich Délia du Pommereux und Chica de Joudes ab, die trotz dieses Überlandtransports prächtig durchzogen und mit den Prämien sechs bzw. vier reich belohnt wurden. Während Looking Superb, Bold Eagle, der nur an Bélina Josselyn hätte dran bleiben müssen, um Vierter zu werden, und Enino du Pommereux mehr oder gründlich die Segel strichen und speziell für Propulsion zum unüberwindlichen Bollwerk wurden, und Vivid Wise As aus dem Speedweg laviert wurde, packte Face Time Bourbon auf der 200 Meter vorm Ziel wie durch ein geplantes Wunder frei werdenden Innenspur den Turbo aus und zeigte den beiden „Bazires“ in explosiver Manier die nicht vorhandenen Eisen: Erstmals in der Geschichte waren alle 18 Aspiranten rundum barfuß gestartet.
99. Prix d’Amérique (Gruppe I int., vier- bis elfj. Hengste und Stuten)
2700m Bänderstart ohne Zulage, 900.000 Euro
1. Face Time Bourbon 11,5 Björn Goop 41
5j.dklbr. Hengst von Ready Cash a.d. Vita Bourbon von Love You
Be: Scud. Bivans Srl (Antonio Somma), IT; Zü: S.A.R.L. Haras Saint Martin (Rainer Engelke); Tr: Sébastien Guarato
2. Davidson du Pont 3. Bélina Josselyn 4. Chica de Joudes 5. Vitruvio 6. Délia du Pommereux 7. Bahia Quesnot 8. Uza Josselyn 9. Enino du Pommereux 10. Bold Eagle 11. Propulsion 12. Milligan’s School 13. Billie de Montfort 14. Looking Superb 15. Valko Jenilat Excellent Vivid Wise As Ringostarr Treb | 11,6 Franck Ouvrie 11,7 Jean-Michel Bazire 11,8 Alain Laurent 11,9 Alessandro Gocciadoro 11,9 Franck Nivard 12,0 Junior Guelpa 12,0 Pierre Vercruysse 12,0 Matthieu Abrivard 12,0 Eric Raffin 12,1 Örjan Kihlström 12,1 Anthony Barrier 12,2 Gabriele Gelormini 12,7 David Thomain 12,7 Paul-Philippe Ploquin dis.r. Alexandre Abrivard dis.r. Yoann Lebourgeois dis.r. Jean-Philippe Monclin | 29 70 650 1470 170 760 1210 940 130 110 820 490 170 2460 160 930 960 |
Sieg: 41; Richter: leicht 1½ - 2 - ¾ - 1 - 1 - Kopf - Kopf - Kopf - 1 Länge; 18 liefen
Zw-Zeiten: 11,1/1200m - 11,5/1700m - 11,9/2200m
Wert: 405.000 - 225.000 - 126.000 - 72.000 - 45.000 - 18.000 - 9.000 Euro
Der letzte Blick gilt dem Umsatz: Durch den PMU-Toto flossen aus allen Teilen der Welt allein im Prix d’Amérique 18.941.434,15 Euro (Vorjahr 18.580.947), davon 9.315.261,87 Euro (Vorjahr 9.655.953) in der mit einem Drei-Millionen-Euro-Jackpot gefütterten Quinté-Wette.