(nn) Solvalla, Sonntag, 31. Mai 2020. „Endlich!“ Der Stoßseufzer, der sich Pflegerin Ellinor Wennebring gegenüber dem „Mann mit dem Mikro“ kurz nach 20.30 Uhr, dem spätesten Zeitpunkt, zu dem ein Elitloppet je entschieden worden war, entrang, nachdem sie kurz zuvor Daniel Redén glückstrahlend in die Arme gefallen war, offenbarte mehr als tausend Worte.
Es gibt drei Rennen im Leben eines Trabens, deren Gewinn ihn auf ewig unvergesslich macht und die Eintrittskarte zum höchsten Gipfel, dem Olymp der Trabergötter, ist. Der erste ist das Derby bzw. die französische Variante der Jahrgangskriterien. Für jenes Nordamerikas, das weltberühmte Hambletonian, war Propulsion 2014 noch ein Namenloser, der mit Matches dieser Größenordnung nicht im Entferntesten etwas zu tun hatte. Sein Stern ging erst Folgejahr ganz allmählich auf.
Da war er vier, und die wirklich bedeutenden Rennen waren in seiner Heimat nur mit der Lupe auszumachen. 220.000 Dollar musste Bengt Ågerup, der Mann, der gemeinsam mit Redén hinter dem vor allem in ältere nordamerikanische Traber enorm investierenden Stall Zet steht, im September 2015 dennoch auf einen Auktionstisch blättern, um ihn an Land, will heißen nach Schweden zu ziehen, wo seine Karriere allmählich ganz große Fahrt aufnahm.
56 „europäische“ Rennen überwiegend auf höchstem Niveau hätten sonst zweifellos viel mehr Spuren hinterlassen. Der so oft ob seiner scheinbaren Gefühlskälte als „Iceman“ Titulierte hat nun ein Luxusproblem, wen er auf die unvermeidlichen Frage zum Lieblingspferd erklären soll: den stählernen, nicht kleinzukriegenden Propulsion oder den durch viele kleine Wehwehchen in seiner nicht minder grandiosen Laufbahn oft gestoppten Maharajah: „Was soll ich zu solch einem Pferd sagen? Er ist durch so viele harte Schlachten gegangen und läuft trotzdem immer weiter. Er hat ein Herz aus Gold“, war der gar nicht so eiskalte „ÖK“ zu Tränen gerührt und schluckte ein paarmal schwer.
Siegerinterview mit Örjan Kihlström: https://www.youtube.com/watch?v=E3BE-uWp_Ow
Daniel Redén, der durch Sorbet und Missle Hill zudem die Prämien vier und sechs mitnahm und ohnehin über ein extraordinäres Meeting bilanzieren konnte, wird es verschmerzen, seinen ersten ganz großen Titel als Trainer ohne das sonst nicht nur auf der proppenvollen offenen Tribüne so enthusiastisch mitgehende Publikum feiern zu müssen: „Ich geb‘s zu - hinter meiner Sonnenbrille hab auch ich ein paar Tränen verdrückt. Propulsion hat dem Stall Zet und mir auf meinem Weg als Trainer so viel gegeben - das ist nicht in Worte zu fassen. Er und die kleine Delicious haben mich zu dem gemacht, der heute vor Ihnen steht. Ich werde dieses Erlebnis heute Abend ganz ruhig sacken lassen, ein paar Runden über unser Gelände drehen, gute Musik hören und ganz entspannt philosophieren. Wenn nicht Propulsion - wer sonst hätte diesen Triumph verdient?“
Siegerinterview mit Daniel Redén: https://www.youtube.com/watch?v=jAO6kvhaqK4
Den „silbernen Lorbeerkranz“ verdiente sich Cokstile völlig zu Recht. Der gebürtige Norweger hat, seit er in Italien unter der neuen Regie Gennaro Casillos bzw. Rocco Spagnulos aktiv ist, einen enormen Leistungssprung getan, was schon bei seinen Siegen im Gran Premio delle Nazioni und in Montegiorgios Palio dei Comuni augenfällig geworden war. Außen rum zum Vorlauf-Sieg, im Finale nach 900 Metern durch die dritte Spur pflügend, war er im Schlussbogen dort die für Propulsion hochwillkommene Lokomotive und biss sich als knochenharter Hund zum Ehrenplatz gegen Earl Simon durch, der zum tragischen Helden wurde.
In der Schlusskurve in zweiter Spur hinter Racing Mange von Cokstile festgenagelt, schaffte ihm Franck Ouvrie mit sanftem Druck den nötigen Freiraum. An Cokstile biss er sich nach härtestem Kampf um eine Nasenspitze die Zähne aus, doch Platz drei und 750.000 Kronen waren dem Favoriten sicher. In Frankreich und Italien wäre das sanfte Freischaufeln kein Thema gewesen, in Deutschland vielleicht. Die Skandinavier im Allgemeinen und die Schweden im Besonderen verstehen da - wie’s scheint bei Ausländern sogar extrem - keinen Spaß und zeigten dem Earl mit entsprechender „Würze“ für Ouvrie nach kurzer Beratung die rote Karte, so dass „Bronze“ an Attraversiamo ging.
Und auch Per Linderoth nahmen sie zu seiner Fahrweise im ersten Bogen nachträglich ins Gebet, gaben sich aber mit der Erklärung zufrieden, er habe Sorbet etwas aufnehmen müssen, weil der in Galopp zu fallen drohte und nicht etwa, um Stallkamerad Propulsion vor sich einscheren zu lassen.
Der Rennverlauf
Eine erste kleine Vorentscheidung fiel bei der Wahl der Startplätze: Weder Franck Ouvrie, der als Erster wählen durfte und sich für die „2“ entschied, noch Christoffer Eriksson (3) wollten für ihre eher mäßig eintretenden Schützlinge Startplatz „1“, den somit der als Dritter wählende Lövgren für Racing Mange erkor. In Front kam „Jocke“ mit dem Orlando-Vici-Sohn, der sich für den Elitloppet erst vor acht Tagen mit dem Sieg in Gävle hatte qualifizieren können und „für den die kurze Startfolge überhaupt kein Problem sein sollte“, dennoch nicht.
Missle Hill kam an der „4“ sehr viel explosiver in die Hufe und flitzte ohne sonderliche Probleme nach vorn. Milliondollarrhyme (7) und Attraversiamo (8) wurden sofort zurückgenommen und bildeten die Schlusslichter, während Propulsion in dritter Spur hängenzubleiben drohte, aber eingangs des ersten Bogens gnädig vor Sorbet einscheren durfte. Nach 250 Metern nahm Johan Untersteiner das Tempo deutlich heraus, so dass die ersten 500 Meter in sehr mäßigen 1:11,2 abgewickelt wurden.
Sollte es im Stall Redén in Schweden streng verpönte taktische Absprachen gegeben haben - schon bei der Wahl der Startplätze hätte Redén für Sorbet statt der „5“ die „6“ wählen und Propulsion die untere Rampe lassen können -, so nutzte Kihlström das Angebot jedenfalls nicht, in der langsamen Phase nach vorn zu fahren. Im Gegenteil verschlechterte sich seine Lage, weil Lövgren die Bummelei bald satt hatte und sich, als es auf die Tribünengerade ging, vor Earl Simon, Cokstile, Propulsion und Sorbet zum äußeren Anführer aufschwang.
Wesentlich zügiger wurde es dadurch zunächst nicht, und so war nach 1:10,8 für den Kilometer klar, dass man weit entfernt von Timokos 1:09,0-Rekord anno 2017 anschlagen würde. Nach 900 Metern eröffnete Cokstile seinen Feldzug durch Spur drei, doch erst Mitte des Schlussbogens bequemte sich Kihlström in den Sog des italienischen Norwegers und verschaffte Attraversiamo damit den ersten kleinen Freiraum.
Auf der Zielgeraden überschlugen sich die Ereignisse. Racing Mange entpuppte sich als doch nicht so stahlhart wie von Lövgren orakelt und stellte für Earl Simon einen Prellbock dar, den Ouvrie mit sanfter Gewalt zu Lasten Cokstiles umschiffte. Innen wehrte sich Missle Hill mit Haut und Haaren wie andererseits hinter ihm Milliondollarrhyme im engen Hauen und Stechen verzweifelt nach einem Schlupfloch suchte, das nie kam. Besser hatte es da Attraversiamo, den Adielsson jedoch auch ziemlich quer stellen musste, bis er endlich ganz außen auf freie Bahn kam, wo Schwedens Derbysieger 2019 hurtig Boden wettmachte.
Das alles war nichts gegen „Proppen“, für den Kihlström mal wieder einen idealen Matchplan ausgearbeitet hatte. In fünfter Spur aufgerüstet, zog er 150 Meter vorm Ziel die Ohrenwatte, der Opa legte einen gehörigen Zacken zu und sauste an der Konkurrenz vorbei - „siehste wohl, so leicht geht das!“ zum 39., zugleich wertvollsten Sieg aus 79 Versuchen, der sein Konto auf 34.343.693 Kronen schnellen ließ.
69. Elitloppet (Gruppe I int., ab vierjährig; UET-Masters-Serie, Grand Slam)
1609m Autostart, 6.000.000 SEK
1. Propulsion 10,2 Örjan Kihlström 42
9j.br. Hengst von Muscle Hill a.d. Danae von Andover Hall
Be: Stall Zet (Bengt Ågerup); Zü: Fredericka Caldwell & Bluestone Farms, US; Tr: Daniel Redén
Pflegerin: Ellinor Wennebring
2. Cokstile 3. Attraversiamo 4. Sorbet 5. Milliondollarrhyme 6. Missle Hill 7. Racing Mange Earl Simon* | 10,4 Christoffer Eriksson 10,4 Erik Adielsson 10,5 Per Linderoth 10,5 Fredrik Larsson 10,6 Johan Untersteiner 10,7 Joakim Lövgren 3.d.RL Franck Ouvrie | 43 192 186 144 175 82 27 |
*disqualifiziert als Dritter wegen Drängelns ausgangs der Schlusskurve
Sieg: 26; Richter: sicher 1 - (k.Kopf) - 1 - 1 - Kopf - Hals - 1 Länge; 8 liefen
Zw-Zeiten: 11,2/500m - 10,8/1000m - 09,6/letzte 500m
Wert: 3.000.000 - 1.500.000 - 750.000 - 375.000 - 175.000 - 100.000 - 60.000 (- 40.000) SEK
Franck Ouvrie: 30.000 SEK Geldbuße und Fahrverbot vom 14. bis 16. Juni wegen falschen Peitschengebrauchs sowie 30.000 SEK Geldbuße und Fahrverbot vom 17. bis 22. Juni wegen Störens von Cokstile 250 Meter vorm Ziel
Video: https://www.youtube.com/watch?v=yQP66y7g09Q
1. Vorlauf: Die Schweden-Bande in die Tasche gesteckt
So undurchsichtig und extrem von Startplatz und daraus folgendem Rennverlauf, wie sich die Gulddivisionen in diesem Jahr präsentiert und fast im Wochenrhythmus einen anderen Primus ausgerufen hatten, zeigte sich in beiden Vorläufen der Wettmarkt. In Vorlauf 1 war der nicht zum ersten Mal kochend heiße Disco Volante hinterm Startauto keinen Meter zum Traben zu bewegen, und seinem schlechten Beispiel schloss sich, nach dem am 13. Mai bedenklichen Auftritt durchaus zu erwarten, der zweifache Cagnes-sur-Mer-Sieger Vivid Wise As an.
2. Vorlauf: Cokstile auf die brutale Tour
Vorläufe
1609m Autostart, 500.000 SEK
Wert: 250.000 - 125.000 - 75.000 - 50.000 SEK
1. Vorlauf
1. Earl Simon 09,5 Franck Ouvrie 47
6j.dklbr. Hengst von Prodigious a.d. Tindrana von Insert Gédé
Be: Stall Skytten, SE; Zü: Gunnar Sundbaum, FR/SE; Tr: Jarmo Niskanen
2. Missle Hill 3. Sorbet 4. Milliondollarrhyme 5. Looking Superb 6. Chief Orlando Disco Volante Vivid Wise As | 09,7 Johan Untersteiner 09,7 Per Linderoth 09,7 Fredrik Larsson 10,2 Jomar Blekkan 10,3 Rikard Skoglund dis.r. Carl Johan Jepson agh. Björn Goop | 66 89 113 212 172 87 25 |
Sieg: 47; Richter: leicht 1½ - ½ - ½ - 3 - 1 Länge; 8 liefen
Zw-Zeiten: 09,7/500m - 10,1/1000m - 08,5/letzte 500m
Video: https://www.youtube.com/watch?v=lH-rNHnRF2M
2. Vorlauf
1. Cokstile 09,4 Christoffer Eriksson 53
7j.br. Hengst von Quite Easy a.d. Joystile von Coktail Jet
Be: Scuderia Santese, IT; Zü: Per Erik Hagen, NO; Tr: Rocco Spagnulo
2. Racing Mange 3. Propulsion 4. Attraversiamo 5. Makethemark 6. Elian Web 7. Billie de Montfort Tae Kwon Deo | 09,5 Joakim Lövgren 09,7 Örjan Kihlström 09,8 Erik Adielsson 10,0 Ulf Ohlsson 10,4 Jorma Kontio 10,6 Gabriele Gelormini dis.r. Adrian Kolgjini | 217 37 96 240 30 162 67 |
Sieg: 53; Richter: leicht 1 - 1½ - 1 - 1½ - 2½ Längen; 8 liefen
Zw-Zeiten: 09,3/500m - 09,2/1000m - 09,8/letzte 500m