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Eine persönliche Derby-Bilanz von Christoph Pellander

17. August 2026
1 Min. Lesezeit
© traberpixx.de

Fünf Derbytage. Zwei Wochenenden. Und wenn ich heute Morgen versuche, all das ein bisschen zu sortieren, merke ich vor allem eines: Was für emotionale Tage das waren.

Ich hatte gemeinsam mit meinen beiden lieben Kollegen Nico und Hans einmal mehr das große Privileg, euch aus dem Winner Circle durch diese fünf Renntage führen zu dürfen. Und bei aller Vorbereitung, bei allen Zahlen, Geschichten und sportlichen Erwartungen sind es am Ende doch immer wieder die ungeplanten Momente, die hängen bleiben.

Da ist Thomas Panschow, der ernsthaft mit dem Ende seiner Karriere liebäugelt und dann ausgerechnet im Stuten-Derby noch einmal allen zeigt, was für ein herausragender Fahrer er ist. Einer der besten, die wir in Deutschland haben. Und da ist seine Partnerin Isa, die in diesem Rennen unter Tränen mitfiebert und nach dem Sieg von ihren Emotionen schlicht überwältigt ist. Freude allein wäre wohl ein viel zu kleines Wort für das, was ihr in diesem Moment anzusehen war. Diese Geschichte hätte man vorher wahrscheinlich als ein bisschen zu kitschig abgelehnt. Der Sport hat sie dann einfach geschrieben.

Da ist Ben Will, der plötzlich sein erstes Rennen gewinnt. Vielleicht ist es auf dem Papier „nur“ ein erster Sieg. Aber wer ihn danach gesehen hat, konnte erahnen, was dieser Moment mit einem jungen Menschen macht. Ich hoffe sehr, dass er daraus ganz viel Selbstvertrauen für seinen weiteren Weg als Trabrennfahrer mitnimmt.

Da ist der kleine Vincent Haller, der am Samstagabend Thomas Panschow die Derby-Peitsche abluchst, sie einen Tag später Robin Bakker, der seine Peitsche vergessen hat, dann ausleiht und im Nachgang mit einem breiten Grinsen jedes Gebot für seine Doppel-Derby-Peitsche ablehnt. Und ganz ehrlich: Ich kann ihn verstehen. Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen, weil ihr Wert mit Geld überhaupt nichts zu tun hat.

Und dann natürlich Fragolino Rosso. Für mich persönlich der eindrucksvollste Derby-Sieger der vergangenen zehn Jahre. Was für ein Pferd. Was für eine Vorstellung. Ich wünsche ihm, seinem gesamten Umfeld und dem deutschen Sport eine Karriere sondergleichen.

Mein emotionalster Moment dieses Derbys war allerdings ein anderer: Ulrich Mommert, strahlend an Tisch 1 vor Kopf. Seinem Stammplatz seit so vielen Jahren. Man muss nicht mit jeder Entscheidung eines Rennbahnbesitzers und HVT-Präsidiumsmitglieds einverstanden sein. Das bin auch ich nicht. Aber man muss anerkennen, was Menschen für diesen Sport geleistet haben. Und Ulrich Mommert und seine Familie haben in den vergangenen 20 Jahren ganz entscheidend dazu beigetragen, dass wir dieses Derby in dieser Form erleben können.

Dass gestern rund 9.000 Menschen auf der Rennbahn standen und diesen Sport gefeiert haben, dazu viele Tausend an den Bildschirmen, verdanken wir größtenteils ihm. Und ich gebe zu: Es gab Momente, in denen ich Angst hatte, ob wir ihn überhaupt noch einmal auf seiner Rennbahn erleben würden. Ihn dort gestern sitzen und vor allem so strahlen zu sehen, war deshalb für mich – neben dem Geschenk Pferd und all den sportlichen Geschichten – das größte Erlebnis und Geschenk dieses Wochenendes.

Bei aller Euphorie gehört für mich aber auch etwas anderes dazu: Selbstkritik. Nicht alles funktioniert an solchen Tagen so, wie wir uns das vorstellen und wünschen. Das merken wir selbst. Auch bei uns in der Moderation gibt es Fehler, Ungenauigkeiten, Dinge, die wir im Nachhinein anders oder besser machen würden. Und auch die Übertragung kann nicht alles transportieren. Ich schaue mir jeden Abend noch spät Teile unserer Sendung an und merke dabei immer wieder: Das Netz schluckt Atmosphäre. Es schluckt Lautstärke, Nähe und Emotionen.

Was sich im Winner Circle, auf den Tribünen und rund um die Bahn teilweise entlädt, kommt durch einen Bildschirm nur bedingt oder sogar gar nicht an. Deshalb: Wenn ihr die Möglichkeit habt, kommt zum Derby auf die Rennbahn. Man muss diese Sekunden erleben, wenn ein Feld in die Zielgerade einbiegt, wenn Hunderte plötzlich mitfiebern und aufschreien, wenn Besitzer, Trainer, Fahrer, Pfleger und Züchter nach Monaten oder Jahren der Arbeit und der Hoffnung realisieren, dass sie gerade einen Sieg errungen haben, den ihnen niemand mehr nehmen kann. Wenn sie Trabrenngeschichte schreiben. Kein Stream auf YouTube oder Facebook kann dieses Gefühl vollständig ersetzen.

Und bitte verzeiht uns am Ende auch die Fehler und Ungenauigkeiten dieser Tage. Ein Derby ist für alle Beteiligten ein Ausnahmezustand. Für uns im Winner Circle genauso wie für die Menschen im Stall, auf der Bahn, in der Technik und in der gesamten Organisation. An manchen Stellen fehlt es an Manpower, an anderen an Möglichkeiten, manchmal schlicht an Zeit. Aber an einem fehlt es nicht: an Einsatz und Einstellung. Dafür verbürge ich mich. Ich habe in diesen Tagen so viele Menschen erlebt, die früh morgens angefangen haben und nachts immer noch da waren, die Probleme gelöst haben, von denen draußen niemand etwas mitbekommen hat, und die einfach wollten, dass dieses Derby gelingt.

Vielleicht ist genau das auch mein Fazit nach diesen fünf Tagen: Trabrennsport ist nicht perfekt. Wir sind es auch nicht. Und dieses Derby war es ebenfalls nicht. Aber dieser Sport kann etwas, das man nicht organisieren, planen oder produzieren kann: Er kann echte Emotionen schaffen. Thomas Panschow. Ben Will. Vincent Haller. Fragolino Rosso. Ulrich Mommert an Tisch 1. Und so viele Geschichten mehr. Dafür lieben wir diesen Sport.

Und zum Schluss habe ich noch eine Bitte und einen Wunsch. Die Bitte: Lasst uns unsere Sieger zu Helden machen. Lasst uns ein bisschen weniger nach dem Haar in der Suppe suchen und ein bisschen mehr Werbung für diesen Sport machen. Kritik gehört dazu, unbedingt. Aber der Trabrennsport produziert schon viel zu viele negative Schlagzeilen und viel zu wenige gute. Dabei haben uns diese fünf Derbytage so viele Geschichten geschenkt, die es wert sind, erzählt, gefeiert und nach draußen getragen zu werden. Geschichten von Menschen und Pferden, von Leidenschaft, Mut, Hoffnung und großen Emotionen. Erzählen wir sie!

Und mein Wunsch gilt zwei Menschen, die zum Ende der Veranstaltung leider die Hilfe der Sanitäter benötigten. Während wir an diesen fünf Tagen glücklicherweise von Unfällen auf der Rennstrecke verschont geblieben sind, mussten wir uns ausgerechnet auf den Tribünen um zwei unserer Gäste Sorgen machen. Ich kann nur von Herzen hoffen, dass diese Sorge unbegründet und nur von kurzer Dauer war. Und dass beide ganz schnell wieder zu Kräften kommen und vollständig genesen. Alles andere ist am Ende nur Sport. Gesundheit ist wichtiger.

Danke, dass wir euch durch diese Tage begleiten durften.

Christoph Pellander